Eine Insel verschwindet – Isla Jambeli

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Gleich hinter dem Grenzübergang von Perú nach Ecuador liegt die Insel Jambelí. Die Überfahrt zur Insel unternimmt man am besten aus Machala, eine kleinere Grenzstadt Ecuadors, wo es riesige Bananenplantagen gibt, die vom Hafen Puerto Bolivar in die ganze Welt verschifft werden. Jeden Tag kann man hier in kleinen Booten zur Insel übersetzen. Eine Fahrt kostet 3 USD – was auch die Landeswährung in Ecuador ist – und dauert 30 Minuten. Die Insel lebt überwiegend vom Tourismus wodurch es viele Restaurants, Bars und Liegen am Strand gibt sowie Hostels, bei denen man Zimmer zur Übernachtung mieten kann. Viele Familien fuhren mit uns in der „Lancha“, wie die Kleinboote genannt werden, auf die Insel, die alle ihr freies Wochenende dort verbringen wollten. Die meisten von ihnen blieben nur den Tag bis zum letzten Boot, welches um 17 Uhr abfährt, wodurch die Insel danach eine außergewöhnlich ruhige Stimmung bekommt. Am Tag gibt es viele Boote am Strand die Rundfahrten mit Wasserreifen und sonstigem Wasserspaß anbieten, sowie Bootstouren um die Insel oder Fischereiausflüge, wirklich für jeden etwas dabei. Am Abend ist es unglaublich ruhig und man kann in einer sehr friedvollen Stimmung den wunderschönen Sonnenuntergang genießen. Eine Übernachtung in einem der Unterkünfte liegt zwischen 10-20 USD pro Nacht und variiert natürlich, je nach Standard. Wenn man sein eigenes Zelt mitbringt kann man am Strand kostenlos übernachten und die öffentlichen Anlagen nutzen, so, wie wir es getan haben. Das Faulenzen, Spielen, Bräunen, oder was auch immer am Strand ist sehr entspannt und man braucht keine Angst vor großen Wellen haben, da das Ufer der Insel mit Wellenbrechern besetzt ist. Für einen entspannten Aufenthalt am Meer, insbesondere mit Kindern natürlich ideal, da die Wellen, die an dem Strand brechen nicht einmal bis zum Fußknöchel reichen. Wie praktisch, oder? Dachten wir zuerst auch.

Bei der Betrachtung des wahren Grundes der Wellenbracher und Sandsäcke am gesamten Strandufer wurden uns die Augen geöffnet und wir waren schockiert. Durch den stetig steigenden Meeresspiegel, der durch die globale Erderwärmung hervorgerufen wird, ist die Insel von der Überflutung bedroht. Die Wellenbrecher und Sandberge sind die letzten Versuche die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels zu verzögern, jedoch ist es unmöglich das Meer aufzuhalten. Viele Häuser und Hotelanlagen sind daher schon verlassen worden und die Perspektive für die Menschen auf der Insel hoffnungslos. Das Meer befindet sich schon unmittelbar am Fuße deren Häuser und jede kleinste Flut, oder größere Welle könnte dort alles zerstören.

Ein weiterer Schock erwartete uns beim normalerweise harmlosen Strandspaziergang: eine riesige tote Meeresschildkröte. Von einem Haufen Müll und Plastik begleitet, welche vom Meer angespült wurden. Ein Anblick den wir nie vergessen werden! Nach kurzer Distanz von unserem Zelt: eine riesige tote Schildkröte mit halb abgefressenem Kopf, die am Strand lag. Noch nie hatten wir eine Meeresschildkröte gesehen und erst recht nicht mit halb zerfressen Kopf. Ich fühlte mich total behaglich, traurig, geekelt, wütend und betroffen zugleich und was mir einfach nicht mehr aus dem Kopf ging war die Frage Warum? Bei einem Strandspaziergang von 45 Minuten haben wir Kadaver von insgesamt 3 Meeresschildkröten und einem Seehund aufgefunden und mit jedem Mal schreite es in mir WARUM?! Als am nächsten Tag auch noch ein riesiger Bartenwal tot aufgefunden wurde, waren wir fassungslos. Bei diesem Fund schaltete sich zum Glück endlich die Küstenwache von Ecuador ein, welche die Region der Galapagos Inseln schütz, die ganz in der Nähe liegt. Auf meine Frage WARUM? konnte man uns die genaue Ursache nicht nennen. Sie waren auch sehr überrascht über die vielen tote Tiere dort und entnahmen Proben, um dem auf den Grund zu gehen. Bei so viele Ursachen wie Plastikmüll, steigender Meeresspiegel, Überfischung, Verschmutzung der Lebensräume, mangelnde Nahrungsquellen etc. die in Frage kommen, sind diese Untersuchungen notwendig. Am Abend wurde gleich die nächste tote Meeresschildkröte angespült und wir konnten vom Zelt sehen, wie sie von den kleinen Wellen immer wieder angeschwemmt und weggespült wurde. Leblos uferte sie hin und her – ein Anblick, der mich heute noch bewegt und ein Geruch, der mir bei diesen Worten wieder genauso bissig in der Nase sitzt wie an diesem Abend.

Ich war sehr betroffen von dem Ganzen und wusste überhaupt nicht was ich tun soll. Ich wusste, dass es nicht Richtig ist was dort passiert und dass ich in diesem Augenblick Nichts dagegen tun konnte. Diese Erfahrung hat meine Ansicht auf das Meer, wie wichtig es für unsere Erde ist und wie wichtig ist es ist, dieses Meer zu schützen, völlig verändert. Ich habe das erste Mal mit eigenen Augen gesehen, welche katastrophalen Auswirkungen der achtlose Umgang mit unserer Natur hat und dass wir dringend mehr für den Klimaschutz und saubere Ozeane tun müssen, um unsere Erde, unser Zuhause, zu retten. Ich bin davon überzeugt, dass Jeder etwas tun kann, um dazu beizutragen und viele tun dies auch schon. Vielleicht bist du dir dem nicht bewusst, aber auch Du tust bestimmt schon etwas, was dem Klimaschutz zu Gute kommt. Mülltrennung, Mehrwegtüten, LED-Licht, Ököstrom, u. v. m. um nur einige Beispiele zu nennen. Über die ein oder andere Maßnahme zur Nachhaltigkeit lässt sich vielleicht streiten, aber wichtig ist doch, dass wir uns dieses Thema bewusst machen und ins Handeln kommen. Viele kleine Veränderungen ergeben eine Große und nur so können wir unseren Planeten retten!

Auch wenn die Umstände der Insel vielleicht nicht die einladensten sind, haben wir zwei wundervolle Nächte am Strand verbracht, die in uns etwas bewegt haben. Zwischen toten Schildkröten, einem Wal und Plastik aber auch traumhafter Sonnenuntergänge und vor Allem wunderbarer Menschen haben wir eine wundervolle Erfahrung gemacht. Nach unserer Ankunft auf der Insel haben wir eine Kolumbianerin kennengelernt, die mit ihrer 10-jährigen Tochter und zwei Freunden reiste und Armbändchen, Kettchen, Ringe und andere Verzierungen herstellten und an die Touristen verkauften, um sich nebenbei etwas Geld dazu zu verdienen. Ich war sehr begeistert von ihrer Geschichte und ihrem Leben, dass sie unabhängig und frei lebte und ihrer Tochter damit viel ermöglichen konnte. Als dann am Abend das letzte Boot abgelegt hatte, und die friedliche Ruhe auf der Insel eintraf begann der Sonnenuntergang und malte mit seinem Licht die schönsten Farben und ließ die Insel wie ein riesiges Gemälde wirken, dass so eine friedliche Wirkung hatte, dass man die Umstände der Insel glatt vergaß. Den Abend verbrachten wir zusammen an einem Lagerfeuer am Strand, wo wir sangen und tanzten und tauschten uns über unsere Erfahrungen aus und spielten, jonglierten, machten Handstände und Räder und alle waren sehr lebendig und belustigt. Plötzlich kam ein alter Herr vorbei, der sich zu uns saß und anfing seine Geschichte zu erzählen. Es war ein alter Schiffsoffizier aus Kolumbien, der fast sein ganzes Leben auf dem Meer verbrachte und auch viele Jahre in Hamburg arbeitete. Als ich ihm sagte, dass ich Deutsche bin sprach er einige deutsche Sätze mit mir. Er erzählte seine Geschichte mit so viel Humor und Charakter, dass wir ihm alle gespannt zuhörten und uns fassungslos ansahen oder vor Lachen krümmten. Ein sehr außergewöhnlicher Abend auf einer sehr außergewöhnlichen Insel.

Durch die Recherche dieses Artikels haben wir erfahren, dass im Dezember 2018, während wir in Deutschland ankamen, eine 3 Meter Welle viele Unterkünfte und Teile des Piers der Insel zerstört hat. Das Wasser ist mit enormer Kraft gegen die Häuser geschlagen und hat die Wände einreißen lassen, wie Papier. Verletzte gibt es zum Glück keine, aber der Schaden ist riesig, der Schock sitzt tief und die Besorgnis vor einer weiteren Flut ist groß. Mir wurde dabei bewusst, dass selbst wenn ich wollte, werde ich diesen Ort der Erde nie wieder besuchen können, und das trifft mich sehr. Denn das bedeutet, dass dieser Ort nur noch in meiner Erinnerung existieren wird, wie wir bereits in Mompiche (ebenfalls in Ecuador) erfahren mussten, aber das ist eine andere Geschichte. Diese Tatsache bringt mich dazu, dass ich meine Erfahrungen teilen möchte, denn dies bedeutet, dass dieser wunderschöne Ort weiter existieren kann. So, wie ich ihn wahrgenommen habe und mit dir teile.

Es geht hier also nicht nur um meine Geschichte, und dass ich sie gerne mit dir Teilen möchte, sondern auch um das Wissen und das Teilen dieses Wissens, dass es an der Westküste von Ecuador eine Insel gibt, die es bald nicht mehr geben wird.

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